Home » Allgemein » Ausgrenzung – Vertreibung – Ermordung: Wie konnte es dazu kommen?

nachtigallentrauer

Dieser Frage möchte ich im Rahmen der Blogtour zu »Nachtigallentrauer – Hamburg 1934« von Lea Krambeck nachgehen. Wie üblich bei einer Blogtour, könnt ihr auch hier etwas gewinnen 🙂 Den Link zum Gewinnspiel findet ihr am Ende dieses Artikels.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und auch heute noch fragen sich viele Menschen:« wie konnte es zu solchen Gräueltaten kommen?« Schließlich waren die Juden in Deutschland keine Randgruppe oder Parallelgesellschaft, sondern das, was man heute gut integriert nennen würde. Viele der älteren Männer hatten im Ersten Weltkrieg in der deutschen Armee gekämpft, wie ja auch der Vater der Protagonistin von »Nachtigallentrauer«. Ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung fühlte sich in erster Linie als Deutsche und dann – vielleicht, aber auch nicht immer – als Juden. Erst durch die Rassegesetze der Nazis wurden sie wieder zu einer abgegrenzten Gruppe. Zwar hatte es auch schon vor 1933 in gewissen Kreisen einen unterschwelligen Antisemitismus gegeben. Der hatte aber keinen großen Einfluss auf das tägliche Leben der meisten Menschen gehabt. Außerdem waren die »arischen« Deutschen bis dahin nicht durch ungewöhnliche Brutalität aufgefallen. Was also ist da passiert?

Ich denke, es kamen mehrere Ursachen zusammen: die politischen Gegebenheiten, die sozialen Umstände und die Tradition des Antisemitismus.

Die sozialen Umstände:

Nach einem verlorenen Weltkrieg musste Deutschland hohe Reparationszahlungen leisten. Erschwert wurde die Situation dadurch, dass die Weltwirtschaftskrise auch Deutschland erfasst hatte. Daher gab es ein großes Heer von Arbeitslosen bei einer nur minimalen sozialen Absicherung. Die Armut in weiten Teilen der Bevölkerung war also sehr groß und das machte die Menschen anfällig für Heilsversprechen. Das hat sich die NSDAP zunutze gemacht. Die Juden wurden als Sündenböcke aufgebaut und gezielt Neid auf deren wohlhabende Vertreter geschürt. Dabei wurde auch gezielt die Tradition des Antisemitismus genutzt – so nach dem Motto: «Es wird schon einen Grund geben, warum Juden überall auf der Welt immer wieder vertrieben wurden.« Außerdem versprach die NSDAP den Leuten Jobs. Wie radikal die Ideen der Nationalsozialisten waren, haben die meisten Leute wahrscheinlich anfangs gar nicht gewusst. Wer liest schon vor der Wahl wirklich das Parteiprogramm? Außerdem war der Informationsfluss damals wesentlich langsamer als heute. Aber spätestens 1938 nach der Reichskristallnacht musste jedem klar sein, wie brutal gegen die Juden vorgegangen wird. »Nachtigallentrauer« spielt aber früher – 1934. Zu diesem Zeitpunkt gab es zwar Rassegesetze, Diskriminierung und Ausgrenzung, die Deportationen begannen aber erst 1941.

Warum haben sich so Viele beteiligt? Manche sicher aus Gleichgültigkeit, andere, weil sie sich einen persönlichen Vorteil davon versprachen, und viele sicher aus Angst. Die Nationalsozialisten hatten es recht schnell geschafft, ein effektives Spitzelsystem aufzubauen. Und wer wollte nach Jahren der Armut und Arbeitslosigkeit schon seinen Job gefährden?

Außerdem hatte die NSDAP es sehr geschickt geschafft, die Menschen auch emotional zu erreichen. Das Gerede von Über- und Untermenschen war wahrscheinlich auch eine Art Überkompensation der verletzten nationalen Gefühle durch den verlorenen Krieg. Zudem wurde die Volksgemeinschaft beschworen, zu der natürlich nur Arier gehören konnten.

Die politischen Gegebenheiten:

Die Demokratie war noch nicht wirklich in Deutschland etabliert. Sie wurde erst 1918 eingeführt. In der Weimarer Republik gab es sehr viele Parteien und nicht alle waren wirklich demokratisch. Im konservativen Lager träumten viele von der Wiederauferstehung der Monarchie. Die kommunistische Partei wollte eine sozialistische Räterepublik. Die anderen Parteien, mit Ausnahme der SPD, hatten keine große Basis. Daher waren alle Parteien ständig auf Bündnisse mit den anderen Parteien angewiesen. Wenn man sieht, wie schwierig heute Koalitionsverhandlungen mit zwei oder drei Parteien sind, kann man sich leicht die damaligen Probleme vorstellen. So gab es ständig wechselnde, instabile Regierungen, bis ab 1930 die Reichskanzler mit Hilfe des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg und Notverordnungen regierten. Dadurch bekamen diese beiden eine ungeheure Macht, die mit den ursprünglichen Vorstellungen von Demokratie nichts mehr zu tun hatten. Erschwerend kam hinzu, dass ab 1932 mit Franz von Papen und Kurt von Schleicher Reichskanzler amtierten, die die Weimarer Republik abschaffen wollten. Es gab also keine demokratische Macht, die sich der NSDAP hätte wirkungsvoll entgegenstellen können. Im Juni 1933 ernannte Hindenburg dann Hitler zum Reichskanzler. Damit war die Demokratie endgültig gestorben.

Mein persönliches Fazit:

Solange es noch gefahrlos möglich gewesen wäre, gegen die Nationalsozialisten vorzugehen, haben die meisten Deutschen die Gefahr nicht erkannt oder waren so mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, dass für deren Bekämpfung kaum Raum blieb. Als klar wurde, was die NSDAP wirklich will, war es für eine friedliche Kehrtwende zu spät. Dann hatten nur noch wenige den Mut, sich Hitler und der NSDAP entgegenzustellen. Denn zu diesem Zeitpunkt hätten sie damit nicht nur ihren Job, sondern ihr Leben und das ihrer Angehörigen riskiert. Entsprechend wenig Erfolg hatten sie damit.

Das sollte uns eine Mahnung sein, von Anfang an gegen undemokratische und rassistische Bewegungen vorzugehen. Damit es nicht irgendwann wieder zu spät ist.

Weitere Beiträge dieser Blogtour findet ihr hier:

Jean Parkers World „Hamburgszenen“

Books and CatsSchülermeinungen damals und heute“

Biancas Bücherkiste „Mischlinge“

Sarahs BücherweltKohlrouladenszene mit Rezept“

ab 10.06.2016 : Goldkindchen „Autorinnen-Interview mit Lea Krambeck“

ab 11.06.2016 : Miss Roses Bücherwelt „Entartete Kunst“

ab 12.06.2016 : Analog 2.0 „Frauen damals und heute“

Gewinnspiel:

Wenn Ihr am Gewinnspiel zu »Nachtigallentrauer – Hamburg 1934« teilnehmen wollt, kommt ihr über diesen Link zum Teilnahmeformular.

About

Schon in frühester Jugend war ich eine notorische Leseratte und das ist auch so geblieben. Ein Bücherblog war da nur die logische Konsequenz :-) Ich habe es aber nicht beim Lesen belassen, sondern schreibe auch selber. Bisher sind einige Kurzgeschichten von mir erschienen. Da ich davon alleine aber nicht leben kann, schreibe ich auch Texte für Andere. Das Spektrum reicht von Content für Webseiten über Texte für Flyer bis zu Broschüren und Handbüchern. Außerdem arbeite ich als Lektorin und übersetze ich aus dem Englischen ins Deutsche. Wenn du also einen Text, ein Lektorat oder eine Übersetzung brauchst, nimm mit mir Kontakt auf. mail@abs-textandmore.com

7 Replies to “Ausgrenzung – Vertreibung – Ermordung: Wie konnte es dazu kommen?”

  1. Bettina Hertz sagt:

    Hallo,
    Danke für deinen Beitrag, hat mir sehr gut gefallen.
    Liebe Grüße Bettina H.

    1. Hallo Bettina,
      freut mich, wenn mein Beitrag interessiert und gefällt.
      Viele Grüße
      Ann-Bettina

  2. Margareta Gebhardt sagt:

    Hallo ,

    vielen Dank für den sehr interessanten Blogtour Beitrag
    die nachdenklich macht .
    Ich wünsche Dir schönen Nachmittag .

    Liebe Grüße Margareta Gebhardt ( Stern44)

    1. Hallo Margareta,
      freut mich, wenn mein Beitrag gefällt. Wäre schön, wenn er dazu beitragen würde, gewisse Parallelen zwischen damals und heute aufzuzeigen.
      Viele Grüße
      Ann-Bettina

  3. Lea C. sagt:

    Danke, Bettina, danke dir für deine nüchterne Analyse. Und für den engagierten Schlusssatz. Mit dem sprichst du mir mal wieder aus der Seele.

    1. Hallo Lea,
      ich finde es immer wieder erschreckend wie wenig die Parallelen gesehen werden.
      LG
      Ann-Bettina

      1. Lea C. sagt:

        Mir ging kürzlich durch den Kopf, dass viele Wähler das Hin und Her der Demokratie heuer auch satt haben könnten, klare Verhältnisse wünschen. Vielleicht sogar wissen, was sie sich da einhandeln? Sie das aber gar nicht stört, solange es ihnen selber nicht an den Kragen geht? Sie sich irgendwelche Vorteile versprechen?
        Erkläre mir einer das Wählerverhalten besser, bitte …

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