Home » Allgemein » Interview mit Britta Kanacher, Autorin des Ratgebers „Glück ist Lebenslust“

Ich freue mich heute Britta Kanacher zum Interview in der ABS-Lese-Ecke begrüßen zu können. Frau Kanacher hat eine Reihe von Büchern zu sehr unterschiedlichen Themen heraus gebracht. Ihr Buch „Hartz IV und Co. – Wie unsere Gesellschaft Armut provoziert und wie Betroffene ihre Würde bewahren“ habe ich vor einiger Zeit hier rezensiert. Es war für den Leipziger Indie Award 2014 nominiert. Ihr neuestes Buch heißt „Glück ist Lebenslust“. Meine Rezension dieses Buches könnt ihr hier lesen.

Guten Tag, Frau Kanacher.

Ihr Buch „Hartz IV und Co“ haben Sie als selber Betroffene geschrieben. Wie kann das sein: Gute Ausbildung (promovierte Soziologin), hoch gelobte Bücher herausgebracht, die Kinder müssten mittlerweile doch auch größer sein und trotzdem von Hartz IV abhängig?

Nun, da ich bereits im Studium drei Kinder bekommen habe, konnte ich nach dem Studium nicht gleich in eine Erwerbstätigkeit einsteigen. Dies, da die Betreuungssituation damals noch recht schwierig war. Aus diesem Grund habe ich die Zeit genutzt und meine Doktorarbeit geschrieben. Nach einer Scheidung und einem vierten Kind mit neuem Partner schob sich der Einstieg weiter hinaus und ich arbeitete als freiberufliche Dozentin. Als ich schließlich eine Festanstellung suchte, war ich für potentielle Arbeitgeber uninteressant – ohne Berufserfahrung und zu alt! Heute habe ich eine Halbtagsstelle, für die ich dankbar bin und die mir viel Freude bereitet. Leider reicht der Verdienst nicht aus, um als alleinerziehende Mutter ohne Hartz IV auszukommen.

Wie war bzw. ist die Resonanz auf dieses Buch?
Leider ist die Resonanz bislang noch sehr bescheiden. Das Buch ist, obgleich es den Bezug zu Betroffenen herstellt, nicht ausschließlich für Betroffene. Ich möchte vielmehr allen Menschen die gegenwärtigen Zustände in der deutschen Gesellschaft nahe bringen – leider ist das Interesse an den Veränderungen in unserer Gesellschaft, die immer mehr Menschen in Hartz IV oder an den Rand des Existenzminimums treiben, nicht sehr groß. Betroffene selbst scheinen sich nicht angesprochen zu fühlen oder haben nicht das Geld für den Kauf des Buches.

Auf Facebook haben Sie eine Seite eingerichtet „Alleine kein Auskommen (trotz Einkommen). Dort sollen sich Betroffene melden. Nun haben ja Hartz IV-Empfänger immer noch ein schlechtes Image. Melden sich da überhaupt Leute auf Ihrer Seite?
Die genannte Seite habe ich mit folgendem Hintergedanken eingerichtet: Viele Hartz IV-EmpfängerInnen denken „Ich bin die einzige in der Familie“ oder „Ich bin die Einzige aus meiner ehemaligen Klasse“ oder dergleichen. Das schwächt das Selbstwertgefühl! Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass ich mich freier fühle, seit ich sage, dass ich auf niedrigem finanziellem Niveau lebe. Viele Menschen verstecken ihre Lebenssituation und meist damit auch sich selbst, wenn sie mit wenig Geld oder Hartz IV auskommen müssen. Das ist sehr anstrengend und überflüssig. 30 % der Hartz IV-EmpfngerInnen sind sogenannte „Aufstocker“, also Menschen, die trotz Erwerbstätigkeit nicht mit ihrem Geld auskommen können – Tendenz steigend! Zudem haben viele Menschen wenig Geld und trauen sich nicht, einen Antrag auf Aufstockung zu stellen. Ich würde mich freuen, wenn sich Betroffene endlich sichtbar machen. Ein unsichtbar agierender und bleibender Teil der Gesellschaft wird nicht zu notwendigen Veränderungen führen. Hier ist ein sichtbar machen notwendig.

Wie reagiert Ihre Umwelt, wenn Sie so öffentlich sagen, dass Sie von Hartz IV abhängig sind? Und was sagen ihre Kinder dazu?
Ich bin immer wieder erstaunt, wie erstaunt die Menschen reagieren. Ich bin für die meisten, denen ich das sage, keine „typische“ Hartz IV-Empfängerin. Das gibt mir aber die Möglichkeit darüber zu sprechen, wer denn ein typischer Empfänger ist – den gibt es schon lange nicht mehr – es wird Zeit für eine Veränderung beim sogenannten schlechten Image. Die notwendige Veränderung kann am besten geschaffen werden, wenn sich immer mehr Menschen entsprechend outen. Meine erwachsenen Kinder sehen, dass ich in meinem Leben viel erreicht habe, auch wenn meine finanzielle Lebenssituation dies nicht spiegelt – sie sind trotzdem stolz auf mich. Meine jüngste Tochter versucht natürlich ihr Hartz IV-Dasein nicht öffentlich zu machen.

Ihr neuestes Buch heißt „Glück ist Lebenslust“. Können sie uns kurz erzählen um was es in diesem Buch geht?
Menschen in einer modernen Lebenswelt werden dazu angehalten, sich auf ihre Vernunft zu konzentrieren und diese dazu einzusetzen sich und ihr Leben auf finanziellen Erfolg auszurichten. Dies führt dazu, dass im wachsenden Druck immer mehr Menschen in ihrem Leben mehr funktionieren als leben – sie leben in Lebensbewältigungs-Funktionalität. In dieser Form des Lebens werden eigene Gefühle häufig oft so lange unterdrückt, bis psychosomatische Störungen, Depression oder Burnout die Menschen darauf aufmerksam machen, dass etwas Wesentliches im Leben fehlt – das (fühlende) Erleben. Die Natur des Menschen, das natürliche Instinkt-Intuition-Reflex-System des Menschen, strebt danach, dass der Mensch sich wohl fühlt. Sich wohlfühlen zu wollen ist ein natürliches Bedürfnis und dieses Bedürfnis wieder zu befriedigen der Schlüssel zu einem Leben im Gleichgewicht von Lebenslust und Lebensbewältigungs-Funktionalität. Diese Zusammenhänge werden in meinem Buch verständlich dargelegt, wobei es so geschrieben ist, dass es bereits beim Lesen zu Veränderungen führt.

Sind Sie selber ein glücklicher Mensch?
Im Moment kann ich dies nicht uneingeschränkt mit „Ja“ beantworten. Ich war es mal! Dann hat mich mein Leben in die genannte Lebensbewältigungs-Funktionalität gedrängt an der ich fast zerbrochen wäre. Inzwischen habe ich den größten Teil des Weges zu meinem Glücklich-Sein bereits zurück gelegt und bin mir sicher in nächster Zeit diese Frage wieder uneingeschränkt mit „Ja“ beantworten zu können.

Kann man glücklich sein aus einem Buch lernen?
Glücklich-Sein sicherlich nicht – Glücklich-Werden schon!

Was würden Sie einer jungen Frau heute raten? Lohnt sich ein Studium? Sind Kinder ein Armutsrisiko?
Ein Studium lohnt sich immer, wenn auch nicht immer finanziell. Kinder sind eindeutig ein Armutsrisiko und jede Frau sollte sich klar machen, dass Kinder einen Wert darstellen, der mit Geld oder Karriere nicht gegengerechnet werden kann.

Sie beschäftigen sich unter anderem mit Inklusionismus. Was hat man sich darunter vorzustellen?
Inklusion bedeutet „Einschließendes Denken und Handeln“ – leider beschäftigt es sich zumeist ausschließlich mit der Problematik Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft als Gleichwertig zu erfahren. Doch Inklusion sollte umfassender gedacht und gelebt werden. Ein „-ismus“ steht für ein Wortbildungselement, welches ideologische, kulturelle oder ähnliche Richtungen kennzeichnet. Ich trete dafür ein, dass einschließendes Denken und Handeln, welchen allen (meist gegensätzlichen) gesellschaftlichen Gruppen: Männern und Frauen, Menschen mit oder ohne Behinderung, Reichen und Armen, Menschen mit oder ohne Kindern, Jungen und Alten, Bildungsnahen und Bildungsfernen usw. gerecht wird, zum Kulturgut wird – das meine ich mit Inklusionismus. Wir sind alle, jede/r auf ihre oder seine Weise Teil der Gesellschaft und sollten alle in möglichst gleicher Weise die Chance haben, den je eigenen Beitrag zu leisten und zu erhalten.

Sie haben auch über den Islam und über Integrationsförderung geschrieben. Wie sind Sie dazu gekommen?
Ich habe Vergleichende Religionswissenschaft studiert und in der Soziologie meinen Doktortitel erworben. Mein Thema war die religiöse Erziehung von Muslimen in der Bundesrepublik und mögliche, damit verbundene Identitätsprobleme. Danach habe ich ehrenamtlich in der Integrationsarbeit gearbeitet und war auch als Dozentin für Interkulturelle Bildung tätig. Weil ich mich über einen Buch mit dem Titel „Gefahr Islam“ geärgert habe, habe ich eines mit dem Titel „Chance Islam“ geschrieben. Unsere Gesellschaft könnte sich in positiver Weise entwickeln, wenn endlich alle einsehen würden, dass Zuwanderung und der Islam nicht mehr wegzudenken sind.

Welche Bücher lesen Sie selber?
Ich bin gerade in einer Fantasy-Phase, davor habe ich meist Krimis gelesen. Mal sehen, was als nächstes dran ist.

Haben sie Vorbilder?
Mein größtes Vorbild ist Bertha von Suttner

Haben Sie Hobbys – außer Schreiben 🙂
Ich tanze, handwerke und stricke gern.

Stehen schon neue Projekte an oder sind Sie ganz mit der Promotion Ihres Buches beschäftigt?

In meinem Buch habe ich ja bereits weitere angekündigt. Das Hartz IV-Buch hat ja in gewisser Weise mit dem Lebenslust-Buch zu tun und in diese Reihe gehört noch ein weiteres mit dem Titel: Erfüllt leben. In 10 Lektionen zu Ihrer Lebenslust. Im Moment versuche ich aber, mich auf die Promotion des Lebenslust-Buches zu konzentrieren damit sich Leserinnen und Leser finden.

Vielen Dank für das Interview, Frau Kanacher. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg!

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Schon in frühester Jugend war ich eine notorische Leseratte und das ist auch so geblieben. Ein Bücherblog war da nur die logische Konsequenz :-)
Ich habe es aber nicht beim Lesen belassen, sondern schreibe auch selber. Bisher sind einige Kurzgeschichten von mir erschienen.
Da ich davon alleine aber nicht leben kann, schreibe ich auch Texte für Andere. Das Spektrum reicht von Content für Webseiten über Texte für Flyer bis zu Broschüren und Handbüchern. Außerdem arbeite ich als Lektorin und übersetze ich aus dem Englischen ins Deutsche. Wenn du also einen Text, ein Lektorat oder eine Übersetzung brauchst, nimm mit mir Kontakt auf: mail@abs-textandmore.com

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