Home » Kurzgeschichten » Der erste Ausritt

Endlich habe ich mein erstes eigens Pferd, einen bildhübschen, fünfjährigen Fuchswallach. Endlich ausreiten können, soviel man will! Aber so ganz alleine ausreiten mit einem neuen Pferd? Nein, das ist mir dann doch zu riskant. Also schließe ich mich einer Gruppe von Schulreitern an. Etwa acht bis zehn Pferde sammeln sich auf dem Hof des Reitstalls. Das dauert meinem Pferd Sandor aber ganz entschieden zu lange. Er beschließt einen Ausflug auf den Misthaufen zu machen. Ich bin von der Idee nicht so begeistert. Leider reichen meine Reit- und Überredungskünste nicht, ihn davon abzuhalten. Also stehen wir, Sandor und ich, oben auf dem Misthaufen. Das flaue Gefühl in meinem Magen kommt sicher nur daher, dass ich zu viel Military gesehen habe und mich nun schon – über die Mauer hinweg – in Nachbars Garten segeln sehe. Im Hof macht sich erste Unruhe breit. Doch Sandor hat ein Einsehen. Oder geht ihm nur mein hektisches Gezerre an den Zügeln auf die Nerven? Jedenfalls machen wir, in einer imponierenden Mistfontäne, eine fast klassische Hinterhandwendung und sausen den Misthaufen wieder runter. Im Hof herrscht jetzt ein ziemliches Gedränge, das Sandor nun aber überhaupt nicht gefällt. Also wieder ab auf den Misthaufen. Da war es doch auch viel ruhiger.

Inzwischen brüllt der Reitlehrer genervt von hinten:“Nun mach doch mal einer das Tor auf, damit wir endlich hier raus können.“

Leider befindet sich unsere Misthaufen-Rennbahn direkt vor diesem Tor, so dass sich niemand traut, dieser Aufforderung nachzukommen. Endlich, während unseres dritten Gipfelsturms, nutzt jemand die Gelegenheit, das Tor aufzureißen. Die ersten Pferde drängen nach draußen – und Sandor hinterher.

Auf der Straße marschiert Sandor dann ganz friedlich mit den anderen Pferden mit. Ich hole erst mal tief Luft. Na ja, ist halt noch ein junges Pferd.

Auf dem Weg zum Wald gibt’s einen Stop an einer roten Ampel. Macht nichts, vor uns sind ja ruhige, zuverlässige Schulpferde. Plötzlich Chaos und Geschrei. Sandor und ich sind auf der Hauptstraße. Bremsen quietschen, Autos hupen, Sandor galoppiert los. Auf der anderen Seite geht’s einen Berg runter. Irgendwie krieg ich mein Pferd gebremst. Der Reitlehrer hat den von erzwungenen Verkehrsstillstand genutzt, um den Rest der Gruppe über die Hauptstraße zu führen.

Wir sind wieder vereint. Es geht weiter. Sandor ist zufrieden und friedlich, ich bin ziemlich geschafft. So nervenaufreibend hatte ich mir den Ausritt eigentlich nicht vorgestellt, mehr so Ausspannen, Erholen… . Na ja, ist halt noch ein junges Pferd.

Für die nächsten zehn Minuten ist das Leben schön, das Wetter großartig, mein Pferd friedlich. Dann sind wir am Wald angekommen. Hier soll getrabt werden. Sandor muss da was falsch verstanden haben. Er galoppiert los. Wir arbeiten uns, leider gar nicht langsam, zur Spitze der Gruppe vor. Neben uns werden Pferde und Reiter zur Seite gedrängt. Nur gut, dass wenigstens die Pferde nicht auch noch fluchen können. Die beiden Reiterinnen an der Spitze der Gruppe erkennen die Situation und reiten mit ihren Pferden quer. Sandor ist ausgetrickst, er kommt nicht durch. Uff!

Wir reiten im Schritt weiter, und ich verkrümele mich – nur so rein vorsichtshalber – wieder ans Ende der Gruppe. Nächste Trabstrecke. Dasselbe Spiel von vorne. Meine Beliebtheit in der Gruppe sinkt ins Bodenlose. Aber diesmal lässt Sandor sich nicht wieder austricksen. Er macht eine Schlenker zur Seite ins Gebüsch. Ich hänge fast am nächsten Baum, kann mich gerade noch irgendwie am Pferdehals festklammern. Das scheint Sandor zu irritieren. Er bleibt stehen. Mir ist schlecht.

Und weiter geht’s durch den Wald. Komisch, irgendwie gefällt es mir hier gar nicht mehr so gut wie sonst. So verdammt viele Bäume hier! Jetzt scheint Sandor sich ausgetobt zu haben. Die nächsten Trab- und sogar die Galoppstrecken verlaufen vergleichsweise friedlich. Ist halt ein junges Pferd.

Erstveröffentlichung in der ReiterRevue 11/96
©2013, Ann-Bettina Schmitz, ABS-TextandMore

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Schon in frühester Jugend war ich eine notorische Leseratte und das ist auch so geblieben. Ein Bücherblog war da nur die logische Konsequenz :-)
Ich habe es aber nicht beim Lesen belassen, sondern schreibe auch selber. Bisher sind einige Kurzgeschichten von mir erschienen.
Da ich davon alleine aber nicht leben kann, schreibe ich auch Texte für Andere. Das Spektrum reicht von Content für Webseiten über Texte für Flyer bis zu Broschüren und Handbüchern. Außerdem arbeite ich als Lektorin und übersetze ich aus dem Englischen ins Deutsche. Wenn du also einen Text, ein Lektorat oder eine Übersetzung brauchst, nimm mit mir Kontakt auf: mail@abs-textandmore.com

One Reply to “Der erste Ausritt”

  1. Diva sagt:

    Das ist ja eine tolle Geschichte ! Morgen werde ich mich hier mal weiter um lesen ! 🙂 l.g. Diva

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